Freistadt

„Auch wenn ich später im Leben dann und wann eine falsche Wahl getroffen habe, ist das nichts gegen die Niederlage, überhaupt nicht zu wählen.“

Henning Mankell

Man stelle sich zwei ähnliche scheinende Städte vor. Dieselbe Art von Häuser, zum Teil verfallener Jugendstil, vermischt mit Elementen der Moderne. Dazu dieselben Verkaufsflächen mit den identischen Marken in den Schaufenstern. Ebenso gleichen sich die Gewohnheiten der Bewohner. Sie gehen ihren Geschäften nach, trinken auf Chromstahl-Theken Craft Bier und bei Regen, spannen sie alle gleich dunkle Schirme auf.

In einer solchen Stadt wohne ich, mehr zufällig als wirklich bewusst gewählt. Es ist meine Lebenswelt, in welche ich ein Stück weit hineingeworfen bin. Hier besorge und versäume ich meinen Alltag. Vieles erscheint gleichförmig und unspektakulär. In diesem Umfeld umgebe ich mich mit allem, was mir alles nützlich erscheint. Je nach Bedarf steht mir mein Schreibzeug, Fahrzeug, Bettzeug und jegliches andere „Zeugs“ zur Verfügung. Meist benutze ich all dies, ohne es genauer zu bemerken. In meinem Alltag beachte ich selten die Besonderheiten des Daseins. Das Gewohnte ist für mich verfügbar und dadurch berechenbar. Es gibt wenig zum Stutzen und selten besondere Ereignisse, welche das vorhersehbare stören. Was mit einer gewissen Langeweile verbunden ist, hat auch seine Vorteile. Das Vertraute schafft eine Atmosphäre der Sicherheit. Da ich mich an die Abläufe gewöhnt habe, kann ich im Alltäglichen oft anderen Fragen nachgehen. Man stelle sich nur vor, ich müsste mir beim Velofahren, jedes Mal über das Rad und das Gleichgewicht Gedanken machen. Ein Unfall währe vorprogrammiert.

Nur schwingt in der Langeweile auch die Frage nach dem Sinn mit. Häufig fehlt darin der Bezug zu einem aufrichtigen und spannenden Leben. Dazu kommt, dass in unserer Gesellschaft immer bessere Filter und Sicherungen für einen entsprechend reibungsloseren und schnelleren Ablauf sorgen. Darin hat das Ungewohnte und Unabsehbare keinen Platz mehr. Des Öfteren wird das infrage stellen des Gegebenen übergangen. Immer seltener geraten wir ins Stocken und wundern uns. Auch werden wir nur noch selten mit der Brüchigkeit des Lebens, dem Leid, Krankheiten und dem Tod persönlich konfrontiert und realisieren nur noch selten, dass alles was ist, auch nicht sein könnte.

Nun mache ich mich jedoch auf und reise allein in die andere Stadt. Es scheint, als hätte sich das Umfeld nur leicht verändert. Und doch ist es für mich ungewöhnlich. Es ist nicht mehr der gleichförmige Alltag. Mein gewohnter Ablauf wird durchbrochen und es ereignet sich dadurch etwas Interessantes. Es sind nicht primär die Sehenswürdigkeiten, welche faszinieren. Vielmehr staune ich ab dem vorhanden sein des Alltäglichen. Was ich Zuhause kaum beachtet hätte, nehme ich auf einmal bewusster wahr. Es ist für mich ein Moment voller Bewusstsein, wo ich bewusst gegenwärtig bin. Alles was mich umgibt und die Menschen wie sie ihren Abläufen nachgehen, sind für mich Tatsachen, jedoch sind sie scheinbar zufällig und sie bestehen losgelöst von meiner Person. Doch im Ganzen bin ich nicht einfach nur der unbeteiligte Betrachter meiner Umgebung. Ich bin ja bewusst gegenwärtig und ruhe nicht allein stumm in mir. Meine Gedanken und Blicke stehen in Bezug zu all dem, was mich umgibt. In allem bin ich Teil meiner Umwelt und ebenso ein Mitmensch für die Anderen. Wer ich hier in diesem Moment bin, ergibt sich aus dem, womit ich mich in Bezug setzte.

Allein mitten in der mir unbekannten Stadt bin ich nun also und habe Zeit aus diesem da sein heraus etwas zu unternehmen und mich auf etwas zu beziehen. Anders als zu Hause bin ich in keinen Ablauf eingebunden. Es ist mir freigestellt, wie ich mein Tag nutze, welchen Strassen ich entlanglaufe und wo ich einkehre. Mein Entscheid ist dabei natürlich nicht frei in dem Sinn, dass ich losgelöst bin, von all den Umständen, welche mich hier hingebracht haben und mich zu dieser Person gemacht haben, welche ich im Moment bin. Die Wahlfreiheit eröffnet mir jedoch verschiedene Handlungsoptionen und ermächtigt mich dadurch, aktiv meine Situation mitzugestalten und einen neuen Weg einzuschlagen. Ich habe die Freiheit zu wählen und muss mich immer wieder aufs Neue dafür entscheiden, mir diese Macht anzueignen. Ich setzte mich konkret in Bezug zu meiner Umwelt und entscheide mich frei für eine Richtung, welche mich meinen Absichten und Bedürfnissen näherbringt.

Die Konsequenzen meiner Entscheidung habe ich dabei zu bejahen und zu tragen. Die Wucht dieser Freiheit und deren Konsequenz kann etwas überforderndes und Beängstigendes haben. Es ist ein Risiko und ein Weg ins Unbekannte anstelle der Sicherheit in der Gewohnheit. Die Versuchung ist deshalb gross, die Wahl zu delegieren an äussere Gegebenheiten oder Instanzen. Es wäre leichter, sich von Reiseführern oder anderen Vorgaben leiten zu lassen. Doch diese können höchstens eine, vielleicht auch nicht unwichtige, Empfehlung abgeben. Am Ende ist es meine persönliche Entscheidung und Wahl wohin ich gehe und was ich tue. Im Alltag ist mir diese Freiheit selten bewusst, obwohl sie auch dort genau so besteht.

Meine Entscheidung erfordert von mir eine Aufrichtigkeit. Aufrichtigkeit heisst in diesem Fall, ich kann keine Entschuldigung mehr geltend machen, wie etwas ist. Ich kann, meine Situation nicht auf äussere Umstände abschieben und Entschuldigungen geltend machen. Es liegt in meiner Verantwortung, wie ich mich in Bezug setze zu meiner Umwelt und wie ich meine Absichten und Bedürfnisse einbringe. In vorgegebenen Situationen ist es an mir, die gegebenen Fakten anzunehmen und in Freiheit daraus etwas Ureigenes zu machen.

Man stelle sich zwei ähnliche scheinende Städte vor. In der einen fliest das Gewohnte dahin. In der anderen stehe ich, aufgeschreckt durch das Ungewohnte und staune, ab dem wo mich umgibt. Nun setze ich mich bewusst und frei gewählt in Bezug zu meiner Umwelt. Von allen Möglichkeiten, welche sich mir anbieten, entscheide ich mich für einen Weg und gehe diesen aufrichtig und mit all seinen Konsequenzen.

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