Wüste

»In der Wüste bin ich das wert, was meine Götter wert sind.«

Antoine de Saint-Exupéry

Die heutige Unterhaltungs- und Reiseindustrie ermöglicht uns, schnell und bequem an jeglichem erwünschten Ziel anzukommen. Mühelos überspringen wir lange Distanzen und umgehen beschwerliche Zwischenschritte. Obwohl wir annehmen, dadurch etwas gewonnen zu haben, verlieren wir tatsächlich auf mehreren Ebenen. Zum einen verpassen wir eindrückliche Orte unterwegs – welche weitaus interessanter und lebendiger sind, als sie uns zuerst erscheinen. Und zweitens, was noch viel schlimmer ist, verpassen wir die Möglichkeit etwas Wesentliches zu erleben und zu lernen.

Zugegeben die Wüste ist ein unwirtlicher Ort. In der kargen und vegetationslosen Landschaft ist man den rauen Elementen ausgesetzt. Die stechende Sonne, die zermürbenden Winde, ausgetrocknete Flussläufe und klirrende Kälte strapazieren die Kräfte. Wilde Tiere scheinen nur darauf zu lauern, einem anzufallen. Seit Urzeiten entzieht sich die Wüste der vertrauten und bequemen Zivilisation. Die Wüste ist das Gegenteil eines erfüllten Lebens. Es ist eine einzige Durststrecke mit der Möglichkeit sich darin zu verirren oder gar zu sterben. In der Antike galt sie deswegen nicht selten auch als Ort der Dämonen, der Anfechtung und der Versuchung.

Wer aufbricht aus dem sicheren Zuhause, um in der Welt sein Glück zu suchen, kommt nach einer Phase der Euphorie früher oder später in einsame und verödete Gebiete. Es sind Stellen, in denen man ausharren muss und sich die Zeit dahinzieht. Es lässt sich nicht mehr so unbekümmert weiter gehen wie zuvor. Die Umstände fordern heraus, sich auf das Wesentliche zu besinnen. Liebgewonnene Gewohnheiten müssen aufgegeben werden. Enttäuschungen und Verletzungen säumen auf einmal den Weg. Vor einem liegt eine weite Wüste und sie zu durchqueren heisst, sich den dunkelsten Kräften zu stellen und mit den eigenen Abgründen zu ringen.

Die Wüste ist ein Ort der Prüfung und Läuterung. Am liebsten wünscht der Mensch sich zurück zum bequemen alten Leben, welches einem einst zu eng war. Zu all den urbanen Kaffeehäusern mit den Motivationssprüchen an den Wänden welche einem prophezeiten: »If you can dream it, you can do it.« Doch in der Wüste ist kein Platz für eitles Perfektionsstreben. Hier fühlt man sich verletzlich, ohnmächtig und sterblich. Die Dämonen plagen einem in der Verkörperung der eigenen Schwächen. Verlockungen und manipulativen Strategien unseres Lebens treten auf einmal unverstellt vor uns und fordern uns heraus. Es sind dabei nicht nur unsere tiefsten destruktiven Persönlichkeitsanteile, welchen wir begegnen. Häufiger sind es die eigenen Götzen, die verfehlten Ideale und die eigene Überheblichkeit. Auf Messers Schneide werden wir uns bewusst, worauf wir eigentlich zu tiefst im Inneren unsere Hoffnung setzen.

Für überflüssiges Gepäck hat es in der Wüste keinen Platz. Was fahl und bedeutungslos ist im Leben, wird zurückgelassen. Es ist ein Ort nahe dem Tod, in dem der Reisende dem Geheimnis des Menschseins näherkommt. Übrig bleibt ein geläuterter Kern, ein Samen der eigenen Bestimmung und Identität. Die Wüste prüft einem und ermöglicht dabei, die eigene Berufung schärfer zu erkennen. Nicht selten offenbart sich nahe der eigenen Verletzlichkeit auch die lebensspendende und ermutigende Kraft Gottes. Gerade aus diesem Grund wurde die Wüste immer wieder bewusst aufgesucht als Auszeit und Ort der Besinnung. Wer diesen Landstrich aus Bequemlichkeit umgeht, wird sein Ziel eines menschlicheren Lebens meist nur über Umwege erreichen.

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