Begegnungen

»Alles wirkliche Leben ist Begegnung.«

Martin Buber

Bereits zwei Wandertage lagen hinter mir und der viel zu schwere Rucksack drückte auf meine Schultern. Die Aussicht über die Küste Wales hinweg war zwar beeindruckend. Doch die Weite des Meeres und der Weideflächen stand im Kontrast zur Enge meiner Schuhe. Bis zu meinem Reiseziel wären es noch eineinhalb Tage Marschzeit gewesen. Aber meine Fersen waren wund gescheuert und an ein Weiterlaufen war nicht zu denken. Unverhofft traf ich auf einen älteren Mann und kam mit ihm ins Gespräch. Wie selbstverständlich lud er mich in seinen Wohnwagen ein, offerierte mir einen Tee und erzählte mir aus seinem Leben. Nach einem regen Austausch gab er mir wertvolle Tipps zu meinem weiteren Weg und fuhr mich ins nächste Dorf. Es war einer dieser Momente, welcher mir aufgrund einer persönlichen Begegnung besonders in Erinnerung blieb.

Wir soziale Wesen und zu einem menschlichen Leben gehören aufrichtige Beziehungen. Dabei wünschen wir uns meist etwas was sich intim und authentisch anfühlt. Beim Kennenlernen schwingt oft auch die Sehnsucht nach Anerkennung mit. Wir alle haben das Bedürfnis nach einem Gegenüber, bei welchem wir uns scham- und angstfrei geben dürfen wie wir sind. Solche Momente sind geprägt durch vollkommenes Gegenwärtig-Sein und haben dabei etwas Zeitloses an sich. Doch nicht jeder Kontakt führt automatisch zu einer wirklichen Begegnung. Denn der Wunsch nach Beziehung steht in der Spannung zwischen der Angst vor Vereinnahmung und der Angst vor Einsamkeit. Wir wollen Beziehungen pflegen und doch autonom und selbständig bleiben.

Aus dem Wunsch nach einer aufrichtigen Beziehung gelangen wir häufig in die Sackgasse der Machtkämpfe. Wir stehen plötzlich vor der Wahl zwischen herrschen oder sich ergeben und sind fern von der Möglichkeit des gegenseitigen Anerkennens. Um Zuwendung zu erhalten unterwerfen wir uns manchmal gewissen Erwartungen. Wir passen uns dem »Müssen« und »Sollen« solange an bis wir ganz davon dominiert werden. Unsere Eigenständigkeit geben wir dabei zum Teil oder sogar ganz auf. Kommen unsere Bedürfnisse jedoch zu kurz verspüren wir den Wunsch nach mehr Autonomie. Irgendwann kann das zu einer inneren Auflehnung führen. Wenn wir nicht kapitulieren, versuchen wir entweder zu kämpfen oder zu fliehen.

Sind wir die Glücklichen, welche im Machtkampf dominieren, können wir zwar eigenständig bleiben, beschneiden dabei jedoch das Recht unseres Gegenübers sich selbst zu sein. Unsere Selbständigkeit geht dann auf Kosten unseres Nächsten. Wo nötig wird der eigene Wille nach Macht mit Gewalt durchgesetzt. Das Spiel von, ich herrsche oder ergebe mich, wird, wie im Sadomaso, zu einer pervertierten Form unserer Suche nach Intimität.

Bei einem weiter oft gewählten Weg geben gar beide Gegenüber ihre Eigenständigkeit auf. Man verliert sich ganz in einer Idee, in einem Erlebnis oder Rausch. Doch aufrichtige Begegnungen können nur dort entstehen, wo wir uns selbst treu bleiben und unsere Integrität bewahren und wo wir dies auch unserem Gegenüber zugestehen. Ein Gedanke welcher Erich Fromm in seinem Buch »die Kunst des Liebens« weiter ausarbeitet. Im Leben gilt es immer wieder aufs Neue, diesen schmalen Grat zu finden.

Auf unserer Lebensreise begegnen wir nicht nur unseren Mitmenschen. Wir sind immer zugleich auf dem Weg, uns selbst besser kennenzulernen. Wir kommen in Kontakt mit unseren Bedürfnissen, unseren Ängsten und unseren Handlungsmustern. Auch hier gilt es, dass wir vor uns selbst in die Zerstreuung fliehen können oder dass wir versucht sind, unerwünschte Anteile von uns zu beherrschen. Wir führen oft ein Kampf gegen uns selbst, welcher verhindert, dass wir uns Selbst annähern. Sich selbst begegnen heisst jedoch, zu lernen sich als Mensch anzunehmen wie man ist. Mit allen Möglichkeiten, Talenten, Interessen aber auch allen Verletzungen, Schwächen und Grenzen welche, dem eigenen Leben zu Grunde liegen. Wir müssen beginnen auszuhalten, was uns da in uns selbst gegenübertritt und ihm aufrichtig begegnen.

Als Individuen sind wir auf Begegnungen und Beziehungen angewiesen. Am Ende sind wir nicht einfach nur Menschen, sondern eben auch Mit-Menschen, welche in Beziehung zu einem Gegenüber stehen. Eine weitere Spielart solcher Begegnung ergibt sich für mich bei dem, was unsere Existenz übersteigt und auf Gott und das Transzendente hinweist. Im christlichen Glauben tritt mir der »unbekannte« Gott als Mitmensch Jesus von Nazareth gegenüber. In der Begegnung mit dem ewig anderen Gegenüber und in der christlichen Spiritualität ist es für mich befreiend, wenn ich jenseits von Scham, Schuld und Angst als Mensch mich mit der Botschaft und dem Leben von Jesus auseinandersetzten, kann. Von ihm lernte ich, dass Getrennt- Sein und Beziehungslosigkeit, immer auch eine Form des Sterbens ist. Denn leben wir nur für uns selbst, sterben wir. Lassen wir jedoch unsere Selbstbezogenheit sterben können wir aufleben. Auch hier ist für mich der Weg zu einer prägenden Begegnung nur ohne Herrschaft, Unterwerfung und Realitätsflucht möglich.

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