Singletrail

»Ich soll sein wollen, der ich bin, wirklich ich sein wollen, und nur ich. Ich soll mich in mein Selbst stellen, wie es ist, und die Aufgabe übernehmen, die mir dadurch in der Welt zugewiesen ist.«

Romano Guardini

Wir sind nichts weiter als Individualtouristen, unterwegs auf einem schmalen Pfad. Auf einem Singletrail gibt es keine Möglichkeit nebeneinander zu gehen. Wir können zwar einander nachfolgen oder Gefährten haben. Doch auf dem Weg zu sich selbst ist jeder allein. Niemand kann einem sagen, wer man ist und was die Art des Weges ist, den man zu gehen hat. Wir begeben uns von der Kindheit an auf die Suche nach uns selbst und meist hält dieses Forschen ein Leben lang an. Schritt für Schritt tastet jeder sich vorwärts und achtet auf die Schilder und Zeichen, welche seit dem antiken Griechenland den Worten des Dichters Pindar folgen: »Werde der du bist«!

Wir werden geboren und unser Bestehen wählen nicht wir selbst. Der Atem belebt uns und die Sprache formt unsere Wirklichkeit. Doch es ist an mir, ein Ja zu diesem Leben zu haben, dass mir da gegeben ist. Die Grundannahme bildet sich dabei aus dem Gedanken heraus, dass mein Leben lebenswert ist. Aber wo her nehme ich die Gewissheit, dass mein Leben es Wert ist, gelebt zu werden? Dieser Wert lässt sich nicht durch meine Identität, meine Leistungen oder einen Zweck bestimmen. Er ist nicht gegeben durch mein Geschlecht, meine Position, meine Hautfarbe oder meine Nationalität. Vielmehr steht mein Selbstwert auf einem Fundament aus Vertrauen, Achtung und Liebe. Und darauf aufbauend kann ich versuchen anzunehmen, was mir in diesem Leben gegeben ist.

Durch Beziehungen bauen wir Vertrauen auf. Dies gilt auch, wenn wir dem Geheimnis von uns selbst näherkommen. Durch die Erfahrung, dass man Widerstände, Frustrationen und schwierige Situationen meistern kann, entsteht langsam ein gesundes Selbstvertrauen. Bei zunehmender Selbständigkeit entwickelt sich das Vertrauen, für sich selbst sorgen zu können. Auch bei emotionalen Stresssituationen bleibt diese Zuversicht, dass man für die eigene seelische Sicherheit sorgen kann. Entlastend ist es zudem, zu wissen, wo es einen sicheren Hafen gibt, den man in schwierigen Situationen aufsuchen darf. Meist sind es Freunde oder die Familie, welche einem an solch einem Ort unterstützen und trösten.

Als Menschen lernen wir bereits früh, auf unsere Umwelt einzuwirken. Die Selbstachtung ergibt sich unter anderem aus solchen Erfahrungen. Wir entdecken unsere Veranlagungen und bewältigen damit die Anforderungen, welche sich uns stellen. Immer mehr stecken wir uns auch eigene Ziele, beurteilen unsere Leistungen und schätzen die eigenen Möglichkeiten ab. Im besten Fall entwickeln wir die Fähigkeit, die eigenen Potentiale angemessen zu beurteilen und zu verwirklichen. Wir anerkennen, was wir bewerkstelligen und sind darüber zufrieden.

Selbstliebe ist neben Selbstvertrauen und Selbstachtung ein weiterer wichtiger Aspekt des Selbstwerts. Wir sollen und dürfen unseren Körper wie ein Haus bewohnen und in ihm ganz zuhause sein. In unserem Kopf haben wir meist viele Bilder, wie so ein Traumleben und die Wunsch-Identität sein sollte. Der Alltag ist meist etwas grauer, vielfältiger und unvollkommener. Dies ist völlig normal. Als Mensch hat man Fähigkeiten und Begabungen, ist jedoch auch verletzlich und begrenzt. Je mehr die eigenen Handlungen in Übereinstimmung mit dem eigenen Wertesystem und dem Idealbild von sich selbst sind, je eher sind wir im Frieden mit uns selbst. Manchmal heisst dies, an sich selbst zu arbeiten. Meist aber müssen wir uns auch von ein paar falschen Idealen lösen. Auch hier gilt es zu lernen, auszuhalten und anzunehmen was einem in der Wirklichkeit begegnet und gegeben ist.

Gehe ich vom christlichen Glauben aus, begegne ich einem Gott, welcher mir ein Leben anvertraut. Und er traut mir zu, dass ich dies selbstbestimmt lebe. Er (er)hält und (er)trägt mich in meiner Eigenständigkeit. Leider wurde in der langen Geschichte des Christentums immer wieder genau dieses gesunde Selbstbild von Menschen gebrochen. Von einem antiken Menschenideal aus, wollte man durch das Abtöten und verdrängen von allem Körperlichen zu einer besseren Welt beitragen. Angst, Scham und fehlende Wertschätzung des Lebens waren die Früchte dieser Saat. Mit dem Menschenbild in der Bibel hatte dies nur noch am Rande zu tun. Aus meiner Sicht sind es aber wir Menschen, welche von einem falschen Ideal geleitet sind und nicht mit unseren Schwächen und unserer Verletzlichkeit umgehen können. So wie ich Gnade verstehe, hat Gott meist weitaus weniger Probleme damit.

Heute stehen wir an dem anderen Ende der Skala und ergötzen uns an unserem eigenen Narzissmus. Bearbeitete Selfies stehen im Kontrast zu einem gesunden Selbstwert. Aus einer übertriebenen Selbstbezogenheit heraus verlieren wir zunehmend den Kontakt zu einem korrektiven Miteinander. Sich dem Geheimnis und dem Wert des eigenen Lebens anzunähern geschieht jedoch nie nur aus dem Zweck der Selbstverwirklichung heraus. Es ist lediglich ein schmaler Pfad, welchen wir gehen, um uns auf ein Gegenüber hinzuzubewegen. Für mehr Mitmenschlichkeit gilt es immer wieder auf Neue zu vertrauen, zu achten und zu lieben.

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