Die Welt anschauen

»Eine Landkarte ist nicht das Gebiet, das sie repräsentiert, aber wenn sie korrekt ist, ist sie in ihrer Struktur der Struktur des Gebietes gleich (oder ähnlich), worin ihre Brauchbarkeit begründet ist«

Alfred Korzybski

Ich bin als Mittelkind mitten in Europa, genauer gesagt mitten in der Schweiz, nämlich im Mittelland in die Mittelschicht hineingeboren worden und besass vielleicht auch ein Stück weit deswegen, nur eine mittelmässige Sicht auf die Welt. Was man mir zeigte, betrachtete ich mit einem kindlichen Blick und nahm es als gegeben an. Ich hatte Augen und sah doch nur wenig.

Wie viele im jugendlichen Alter zog ich aus, um die Welt selbst anzuschauen. Fast schon faustisch wollte ich mit eigenen Augen sehen, was die Welt im Innersten zusammenhält. Oft jedoch sah ich nur, was ich zu sehen erwartete und vermochte. Manches sagte mehr über mich aus, als über das, was ich erspähte.

Als Reisender wurde ich zum Glück durch unzählige Eindrücke immer aufs Neue wieder herausgefordert, wachgerüttelt und sensibilisiert. Begegnungen mit anderen Kulturen, Religionen, Bräuchen und Lebensstilen führten zu neuen Einsichten und Erfahrungen. Durch die angeregten Sinne veränderte sich mein Bild der Welt.

Wie Landkarten sind auch Weltanschauungen abstrakte Bilder der Wirklichkeit. Sie deuten Fakten und versuchen diese zu ordnen oder auf etwas auszurichten. Karten helfen uns beim Orientieren und laden zum Entdecken ein. Aber ein Haus auf der Karte gleicht nie der Grösse und der Komplexität des Originals. So sind auch unsere Worte und Sichtweisen immer nur Annäherungen an Gegebenheiten. Sie sind nie ein exaktes Abbild ihrer.

Noch vor nicht allzu langer Zeit ging man davon aus, dass unsere Weltanschauungen, also unsere inneren Landkarten, ziemlich genau die Wirklichkeit und damit auch die Wahrheit abbilden. Als die alte politische Weltordnung der Könige, Kaiser und Adligen zerfiel, kämpften verschiedene neue Sichtweisen um ihre Deutungshoheit. Die Weltanschauungen wurden als Ideologien sehr exklusiv. Kapitalismus, Nationalsozialismus, Liberalismus, Kommunismus und viele Splittergruppierungen versuchten anhand ihrer Karte die Welt schöner und besser zu gestalteten. Oft jedoch verriet die Revolution ihre Kinder. Was nicht auf der Karte verzeichnet war, durfte auch nicht existieren. Man sah sich nun nicht mehr die Welt an, wie sie war, sondern gestaltete sich eine Welt nach einer einmal zurechtgelegten Karte. Krieg und Ausgrenzung drohte jedem, welchem nicht in das vorgefertigte Bild passte.

Heute geht man daher davon aus, dass es keine solchen allgemeingültigen ideologischen Karten gibt. Der Schwerpunkt liegt bei der subjektiven Sicht auf die Welt. Dies lässt viel Raum für Toleranz, erschwert jedoch auch die Orientierung. Ich denke, wir benötigen gleichwohl eine Karte, um uns in den Gegebenheiten zurechtzufinden und ein Koordinatennetz, woran wir gewonnene Fakten ausrichten können.

Da wir uns dabei irren mögen und als Einzelpersonen nur Bruchstücke der Welt anschauen können, hilft uns der Kontakt und die Auseinandersetzung mit einer fremden Sicht auf die Welt. Erst in der Begegnung und im Austausch mit anderen wird es möglich, eine annähernd korrekte und brauchbare Karte zu erstellen.

Damit diese auch alltagstauglich ist, sollten unsere Weltanschauungen offen sein für neue Fragen und Erkenntnisse. Wer zum Beispiel davon ausgeht, dass die Erde flach ist, arbeitet mit einer veralteten Karte. Für Fragen, welche sich aus der Globalisierung ergeben, wird man mit einer solchen Weltanschauung keine passende Lösung finden. Die Karten müssen zudem auch kompatibel sein, und in anderen Zeiten und Gesellschaftsformen funktionieren. Weiter müssen sie mit dem Wissen und den Erfahrungen im Alltag übereinstimmen und lebbar sein. Ich kann zwar gut und gern behaupten, die Schwerkraft existiere für mich nicht. Dass ich mich geirrt habe, würde ich jedoch schmerzhaft erfahren. Zu guter Letzt geben uns brauchbare Weltanschauungen Antworten auf schwierige Fragen zu unserer Existenz. Unsere Landkarten sollen eben auch Sinn stiften und unserem Lebensweg eine Richtung weisen.

2 Kommentare zu „Die Welt anschauen

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