Aufbruch

„Wir wandern, weil wir müssen. Das ist der einzige Grund, weshalb die Leute immer wandern. Weil sie’s besser haben wollen.“

John Steinbeck

Jeder Abschied beinhaltet die Möglichkeit von neuen Begegnungen. Indem wir etwas Vertrautes loslassen können wir Unbekanntes ergreifen. Genauso enthält jeder Aufbruch die Möglichkeit einer Rückkehr zu sich selbst und die Umkehr zu mehr Menschlichkeit.

Äussere Umstände können zu einem Wandel im eigenen Leben führen. Wo Alltagsroutinen aus den Fugen geraten, werden wir zu einer Bewegung gezwungen und wir müssen uns neu ausrichten. Was lange unter einer Kruste von Gewohnheiten verborgen lag, kommt durch ein solches plötzliches Auseinanderbrechen an die Oberfläche. Tieferliegende Schichten in uns werden – meist schmerzhaft – freigelegt. Verborgene Wünsche und Bedürfnisse treten auf einmal klarer zu Tage. Ihnen Rechnung zu tragen, kann uns ebenso in Bewegung versetzen. Wie ein Kompass leiten sie uns auf unserem Weg.

Wo zum Beispiel die Grundbedürfnisse wie Schutz oder Nahrung nicht mehr gewährleistet sind, brechen ganze Völker auf und suchen nach einem Ort wo sie mehr Menschlichkeit erfahren. Sie werden dabei nicht nur durch Gegebenheiten getrieben, sondern sie folgen der Hoffnung auf Erfüllung ihrer Wünsche und nach einem besseren Leben.

Auch auf der Suche nach Selbstverwirklichung wird vertrautes Terrain zurückgelassen. Wie in der Fremde kann man sich fühlen, wenn ein sinngebendes Dasein beschnitten wird und man nur noch als eine Zahl in einem Algorithmus oder als ein Rad in einer Maschine funktioniert. Wir wollen nicht nur dahintreiben und vegetieren, sondern unser Unterwegssein in diesem Leben selber bestimmen. Diese Gegebenheit fällt zusammen mit dem Bedürfnis nach mehr Authentizität. Der Aufbruch wird zur Rückkehr zu sich selbst.

Es braucht jedoch nicht immer eine Katastrophe, einen gravierenden Wechsel oder eine grosse Reise, damit man sich selbst näherkommt. Es gibt jeden Tag die Möglichkeit bekannte Pfade und Routinen zu verlassen. Manchmal heisst dies auch, mit Konventionen zu brechen und sich neu an dem auszurichten, was uns als Menschen ausmacht. Es bedeutet, Abschied zu nehmen von einer falschen Bequemlichkeit und sich zu öffnen für neue Begegnungen. Im Aufbruch können wir unseren eigenen, wie auch den Bedürfnissen unseres Gegenübers, bewusst werden und ihnen zur Geltung verhelfen. Darin liegt der Kern eines menschlicheren Lebens.

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