Fernweh

»Denn zu dir hin hast du uns geschaffen, und unruhig ist unser Herz, bis es ruhet in dir.«

Aurelius Agustinus

Als ich zu meiner ersten längeren Reise aufbrach, konnte ich den Moment, in dem das Flugzeug abhob, kaum erwarten. Endlich zog ich in die weite Welt und lies den einengenden Alltag hinter mir. Eine verworrene Nacht später stand ich vor dem Flughafen in Quito. Das Gedränge und die Rufe der Taxifahrer wirkten wie ein Fiebertraum auf mich. Die nächsten Tage verbrachte ich bei einer Gastfamilie, mit welcher ich mich kaum verständigen konnte. Die ungewohnt hohe Lage der Stadt und der Jet-Lag zermürbten mich zusätzlich. Nach nur wenigen Stunden war das Fernweh dem ersten Heimweh gewichen und ich wünschte mir nichts mehr, als an einem anderen Ort zu sein.

Auch im Leben ertappe ich mich oft dabei, dass ich nostalgisch auf etwas Blicke, was mich vage an eine verlorene Heimat erinnert. Gleichzeitig träume ich erwartungsvoll von all jenem Schönen, was einmal sein könnte. Unruhig suche ich in solchen Momenten das Glück, welches woanders zu liegen scheint. Ich sehne mich nach einem Ort, wo ich sein darf, wie ich bin und meine Bedürfnisse befriedigt sind. Das Fernweh, das Heimweh und die Nostalgie sind dabei nur verschiedenen Kinder dieser einen Sehnsucht in mir.

Im Mittelhochdeutschen bedeutete der Begriff »Sehnsucht« die Krankheit des schmerzlichen Verlangens. Meist dreht es sich dabei um ein Objekt, welches unerreichbar fernliegt. Man findet diese verzehrende Sucht zum Beispiel im ritterlichen Minnesang bei der Verehrung der geliebten Maid. Die Epoche der Romantik nahm diese Verklärung des Schönen erneut auf und verlieh ihr eine besondere Tiefe. Diese Generation lebte von dem Suchen nach vergangenen Zeiten, exotischen Orten oder dem Verschmelzen mit der geliebten Person.

Wie nie zuvor haben wir heute die Mittel, um zu erwerben, was unser Herz scheinbar begehrt. Dennoch spüren viele Menschen nach wie vor tief in sich diese Sehnsucht. Es ist das krankhafte Verzehren nach Befriedigung, welches uns zum Streben nach dem Glück anstachelt, welche uns in Süchte treibt und uns losreisst zu neuen Horizonten. Das schmerzliche Sehnen weitet sich aus zur Gier immer mehr zu haben und zur Sucht immer mehr zu Verlangen. Unruhig und rastlos jagen wir unter dem Himmelszelt dahin.

Das Unglück des Menschen sieht Paul Watzlawick in diesem Sehen. Denn entweder haben wir das Ersehnte noch nicht gefunden und müssen weitersuchen oder dann haben wir es zwar gefunden und doch bringt es nicht die gewünschte Befriedigung. Am wahrscheinlichsten jedoch kommen wir zur Überzeugung, dass es das Objekt unserer Befriedigung gar nicht gibt und wir bleiben unbefriedigt zurück. Ein solches schwarzes Loch fühlte ich lange in mir. Und mit jedem Versuch, es zu füllen wuchs die Leere weiter an. Es blieb eine diffuse Sehnsucht, die nichts auf dieser Welt zu befriedigen vermochte.

Der Autor der Narnia-Bücher, C.S. Lewis, kam zum Schluss, dass wenn es nichts auf dieser Welt gebe, was unsere Sehnsucht stillt, es etwas geben müsse, das nicht von dieser Welt sei. Er schloss sich einer Denktradition an, welche dies als streben des Geistes nach dem Unvergänglichen, dem letzten Wahren und Gewissen deutet. Bei den Griechen erschien jener Gedanke bereits bei Platon, beim Erinnern der Seele an die Urbilder und der Sehnsucht nach dem Schönen, Guten und Wahren. Im Buddhismus findet sich die Sehnsucht, ganz im Göttlichen aufzugehen und eins mit allem und in allem eins zu sein. Im Christentum ist es das Sehnen auf Gott und die Erlösung hin.

An diesem Punkt bietet sich eine vermeintliche Abkürzung an, welche nicht unbedenklich ist. – Natürlich schlug ich diesen vermutlichen einfacheren Weg ein und machte so einen längeren aber lehrreichen Umweg. – Wir können nämlich versucht sein, Gott oder die Religion dazu zu benutzen, unsere Sehnsucht zu stillen und dazu missbrauchen, die Erde entsprechend unseren Wünschen umzugestalten. Wir projizieren dadurch unsere Sehnsucht nach dem Unerreichbaren auf ein neues Objekt. Die Sehnsucht nach dem vermeintlichen Paradies wird dadurch zum neuen Fern- und Heimweh.

Wollen wir uns den Sehnsüchten jedoch wirklich stellen, gibt es kein schnelles Vorwärtskommen und keine Instant-Lösung. Es ist ein längerer und beschwerlicher Weg. Denn hinter jeder Sehnsucht liegen ungestillte Bedürfnisse. Dazu gehört zwar auch das Bedürfnis nach Spiritualität und die Auseinandersetzung mit Gott. Jedoch ist es eben auch ein Weg, auf dem wir uns selbst begegnen. Wünschen wir uns Anerkennung und Verständnis, müssen wir zuerst lernen uns selbst zu verstehen und zu kennen. Sehnen wir uns nach Befriedigung, gilt es zu lernen mit sich selbst im Frieden zu sein.

Gesunde christliche Spiritualität führt uns (wie auch andere gesunde Wege) von unseren Sehnsüchten zu den Bedürfnissen, welche dahinterstecken. Er führt in die Versöhnung mit unseren verdrängten Ängsten, unserem Schatten und unserem Versagen. Es ist ein Lernen sich dem Gegeben und dem Gegenwärtigen zu stellen. Nur so kann die Krankheit des schmerzlichen Verlangens langsam heilen und wir können wirklich so sein, wie wir sind. Erst hier erfahren wir etwas von dem Gefühl der Heimat und Ruhe. Durch eine solche Auseinandersetzung mit sich selbst, missbrauchen wir unsere Mitmenschen und Gott seltener, um unsere Sehnsüchte zu stillen. Dadurch erlauben wir ihnen zugleich, sich selbst zu sein. Es ist zwar kein leichter und schneller Weg, doch führt er hin zu einem echteren Menschsein, zu wirklichen Begegnungen und einer schöneren Welt mit mehr Mitmenschlichkeit.

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